Er hängt an seinem Leben!

Letzte Woche Freitag ist etwas passiert, das mich seitdem nicht mehr loslässt:

Mein Mann und ich waren auf dem Weg zu einem Arzttermin in einem Ärztehaus, das etwa eine Stunde von uns entfernt liegt. Wir fuhren über die Autobahn und unsere Abfahrt hinunter. Es war 08:07 Uhr.

Wir kamen die Abfahrt hinunter und bogen links ab.
Zwei Wagen vor uns fuhr ein Dacia mit Warnblinker rechts ran.
Eine Frau stieg aus. Sie wedelte hektisch mit ihren Armen und weinte.

Die Fahrerin des Wagens vor uns hielt an. Mein Mann und ich sahen uns an und nickten beide.
Wir fuhren ebenfalls rechts ran und gingen eilig zum Wagen.

Die Fahrerin des Dacia hatte bereits die Beifahrertür geöffnet.
Ihr Mann saß auf dem Beifahrersitz. Leblos.

Die Fahrerin des BMW setzte den Notruf ab. Sie war ortskundig und wusste genau, wo wir waren.
Mein Mann trat an den leblosen Mann heran. Er reagierte nicht auf die Rufe und hatte keinen Puls.
Mein Mann hob den anderen Mann aus dem Auto, legte ihn auf die Straße und begann mit der Herzdruckmassage.
Ein weiterer Mann kam hinzu. Die beiden wechselten sich bei der Herzdruckmassage ab.

Es geschahen viele Dinge gleichzeitig.

Während mein Mann ans Auto und zu dem leblosen Mann trat, nahm ich mich der verzweifelten Frau an.
Ich fragte sie nach ihrem Namen, was passiert sei und hielt sie an der Schulter und am Arm.
Sie weinte bitterlich. Ihr Mann war bereits in den letzten sechs Wochen zwei Mal reanimiert worden.
Die BMW Fahrerin kam hinzu. Wir warteten quälend lange Minuten auf die Rettungskräfte.

Gemeinsam sorgten wir dafür, der Frau den Anblick der Reanimation ihres Mannes zu ersparen.
Sie bat mich, ihren Sohn zu informieren – nannte mir seinen Arbeitsplatz und ich rief ihn an.

Es zerriss mir das Herz diejenige zu sein, die ihm solch schlechte Nachrichten überbrachte.
Doch seine Mutter brauchte ihn.

Wir legten auf. In diesem Moment für ein Feuerwehrwagen vor und eine Sekunde später auch der RTW.
Drei Feuerwehrmänner kamen auf uns zu. Sie fragten, wer denn dazu gehöre und ob der Mann irgendwelche Vorerkrankungen habe. Das Übliche eben.
Seine Frau schluchzte, dass er bereits reanimiert worden war, einen Herzschrittmacher hatte und sie ihn zum Arzt fahren wolle, weil es ihm an dem Morgen so schlecht ging.

Die Hausarztpraxis war eine Straße weiter.

Ein Feuerwehrmann stand die ganze Zeit bei uns drei Frauen. Diese Ausstrahlung werde ich nie wieder vergessen.
Er war so ruhig, gleichzeitig sehr mitfühlend und hat uns dabei unterstützt, die Frau in ihrer Not zu halten.

Die Rettungskräfte hatten mit einer Decke die Szenerie versucht abzuschirmen.
Ich sah noch, wie dem Mann die Klebepads für einen Defibrillator aufgeklebt wurden.

Dann kamen mehrere Rettungskräfte auf uns zu:

„Gibt es eine Patientenverfügung? Sollen wir die Maßnahmen fortführen?“

Die Frau schluchzte und rief:

„Ja! Ja! Machen Sie bitte weiter. Er hängt an seinem Leben!“

Mein Mann versuchte unterdessen seinen Arzttermin abzusagen. Ohne Erfolg. Es war 08:22 Uhr.
Der Feuerwehrmann bekam es mit, wie wir uns in kurzen Sätzen darüber unterhielten.
Er nahm sanft, aber mit Nachdruck, meinen Platz an der Seite der Frau ein und schickte uns mit einem wohlwollenden Lächeln weiter. Die Situation war unter Kontrolle. Rettungskräfte waren vor Ort. Erste Hilfe war geleistet.

Also fuhren wir. Ohne zu wissen, wie es jetzt weiter geht für den Mann, seine Frau und die Familie.

Ein Satz der Frau lässt mich seitdem nicht mehr los:

„Er hängt an seinem Leben!“

Seitdem frage ich mich, wie sehr ich an meinem jetzigen Leben eigentlich hänge und entlarve all jenes, was mich von mir und meinem Traumleben trennt. Denn auch ich hänge an meinem Leben.

Wie ist es bei dir?

Alles Liebe,

Juliane 💖


Newsletter aus 05/26 Ausgabe Nr. 20

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