Am 08.04.2026 stand meine vierte Endometriose OP an. Dieses Mal in Hamburg, im Albertinen Krankenhaus, denn ich wusste: Ich brauche die Besten der Besten.
Ein Tumor hatte es sich in meinem Becken gemütlich gemacht. Ich hatte täglich Kreislaufprobleme bis hin zum Kollaps, weil ich – wie jeder normale Mensch auch – Stuhlgang hatte. Die Schmerzen waren jenseits von Gut und Böse. Meine Schmerztherapie mit Tilidin war bis zur Höchstdosis ausgereizt – und ich hatte immer noch Schmerzen. Es war kaum noch zu ertragen.
Der gesamte März war Leben im Standby Modus. Ich zählte jeden Tag bis zur OP. Als es dann der Tag da war, zogen sich die Minuten quälend langsam dahin. Um 12 Uhr sollten wir in der Klinik sein. Ich meldete mich auf der Station, die auf meinem Zettel stand. Es war eine Geburtenstation. Da rann mir das erste Rinnsal Schweiß den Rücken runter. Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf: „Eine bizarre Art von Humor eine potenziell unfruchtbare Endometriosebetroffene auf die Station mit werdenden und frischgebackenen Müttern zu stecken! Grmph!“.
Ich durfte aufatmen! Es war nicht „meine“ Station. Ich meldete mich also auf der Kurzliegerstation im Dienstzimmer.
Wir wurden in den Wartebereich geschickt. Das war das erste Mal, dass mir die Tränen stumm die Wangen hinunter liefen. Meine Anspannung war kaum noch auszuhalten. Pfleger Matthias holte mich ab und brachte mich auf mein Zimmer. Ich bekam das Bett am Fenster! Tschakka!
Matthias gab mir die ersten Instruktionen, wie es bei ihnen im Hause ablief, wann meine OP geplant sei und wann ich in mein Engelhemd und meinen Netzschlüpfer zu springen habe. Außerdem ist ein Schwangerschaftstest dort im Hause Pflicht für alle gebärfähigen Menschen. Er erzählte eine kleine Anekdote aus der letzten Woche. Eine Endometriosepatientin kam zur OP und ging mit positivem Schwangerschaftstest nach Hause. Sowas passiert immer mal wieder. Mein Test war hingegen – wie zu erwarten – negativ.
Für 15 Uhr war meine OP angesetzt worden. Das zweite Rinnsal Schweiß bahnte sich den Weg meinen Rücken hinunter. So lange sollte ich noch warten?! Puh.
Rückblick: Den März verbrachte ich im Standby-Modus. Ich hatte zu nichts mehr Kraft. Es reichte gerade so aus, um mich mental über Wasser zu halten. Ich konnte kaum laufen, war schnell erschöpft und meine körperliche wie seelische Lage spitzte sich extrem zu. Jetzt wo ein Ziel in Sicht war, schaltete ich vom Überlebensmodus in den Hoffnungsmodus. Es stand für mich viel auf dem Spiel. Ich musste den Ärzt:innen, den Pfleger:innen vertrauen. Wer schonmal eine Operation im Genital- und Intimbereich gehabt hat wird wissen, dass sich das Gefühl der Schutzlosigkeit, der Auslieferung nochmal mehr verstärkt.
Tief Luft holen, Augen zu und durch.
Die Pfleger:innen auf meiner Station waren sehr liebevoll, aufmerksam und einfach für mich da. Als ich in den Aufwachraum kam und für die OP vorbereitet wurde, waren dort so viele liebe Menschen. Dem Mann, der mich in Empfang nahm gestand ich, dass ich nach der Narkose sehr unruhig und kindlich bin. Ich weine dann und bin gefühlt wieder 6 Jahre alt. Er erzählte mir daraufhin von seinen Narkose-Aufwach-Storys. Wir lachten gemeinsam. Ich sagte ihm, dass ich Angst habe und mir „das Heulen vorm Hals steht“. Ich wurde wunderbar umsorgt. Die OP-Pfleger:innen waren sehr locker und lustig. Kurz vergaß ich meine Aufregung.
Das Team war so multikulti, wie ich es noch nie gesehen habe. So viele Nationalitäten arbeiteten Hand in Hand, um mich gut zu versorgen. Ich bekam im Aufwachraum meinen Venenzugang am rechten Handgelenk gelegt. Es tat ein bisschen weh und war unangenehm. Die Pflegerin sagte mir, dass sie mir in der Narkose noch einen zweiten auf der anderen Seite legen würden. Ich bräuchte diesen also nicht behalten. So weit, so gut.
Dann ging es für mich weiter: vom Bett auf die OP-Trage. Ich wurde in einen Raum geschoben, der direkt gegenüber des OPs lag. Um mich herum wuselten drei Pfleger:innen und wir unterhielten uns. Ein junger Mann, halb Thailänder und halb Japaner, sprach mich auf meine tollen Tattoos an. „Ach, die?! Das ist noch gar nicht fertig“ spielte ich prompt herunter. Er fragte mich, was es gekostet habe und erzählte mir, dass Tattoos in Japan und Thailand ein Schnäppchen sind. „Nicht so teuer wie in Deutschland. Ich muss keinen Kredit aufnehmen“, sagte er locker. Wir lachten. Er fragte mich, ob ich in Hamburg wohne. Ich entgegnete „Nein, ich lebe in Ostfriesland. Norden, Norderney? Kennst du?“ – um ehrlich zu sein ist Norderney noch ein ganzes Stück weg (ca. eine Stunde; mit Fähre und allem), aber die Insel kennen die meisten. Der Pfleger, der hinter mir am PC saß, fragte mich nach meiner Wohnung. Ich erzählte ihm von unserem kleinen Paradis hier. Er entgegnete, „Das ist ja fast schon schöner, als meine Heimat in Portugal.“ – ja: FAST!
Die drei wünschten mir viel Glück, alles Gute und verließen mich wieder, denn: es war Schichtwechsel. Ich war fertig vorbereitet. Es war mir schön warm und ich war an einen Perfusor, mit insgesamt drei Medikamenten, angeschlossen: Propofol, Remifentanil und das dritte habe ich vergessen.
Menschen liefen an der offenen Tür vorbei. Die OP-Tür öffnete sich und eine Frau schob einen Putzwagen hinein. Ich sah, wie sie die Tür von innen schrubbte. „Na, toll! Das kann ja noch lange dauern“, dachte ich mir. Ich schaute auf die Uhr über der Tür. Es war 15:30 Uhr.
Ein Mann in grüner Montur, mit Haube und Mundschutz trat an mein Bett. Er stellt sich als Chirurg vor und erklärte mir das Vorgehen, dass er und der Professor mich operieren würden und antwortete auf all meine Fragen. Ich habe selten eine so menschliche Kommunikation auf Augenhöhe zwischen mir als Patientin und Medizinern erlebt. Er sah sich meine MRT-Bilder an und erklärte mir, dass aufgrund der Aufnahmen eine Darmteilresektion und damit ein künstlicher Darmausgang eher unwahrscheinlich sind. Ich vertraute ihm und entspannte mich ein wenig mehr.
Den daVinci Chirurgie-Roboter bekam ich aber leider nicht zu sehen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit (um 16 Uhr) kam dann die Anästhesie-Pflegerin Sandra und der Anästhesist zu mir. Irgendwie ist die Anästhesie nochmal ein ganz anderer Schlag von Menschen. „Schwester Sandra“, wie ich sie nennen durfte, fragte mich nach meinem Traumziel. „Wohin wollen Sie denn reisen, Frau Kau? Was ist Ihr persönlicher Sehnsuchtsort?“. „Spanien, die Karibik, das Meer“, antwortete ich ihr durch die Sauerstoffmaske.
Sidefact: In der OP-Vorbereitung bekommt man reinen Sauerstoff zu atmen, damit der Sauerstoffgehalt im Blut gesättigt ist. Das dient dazu, den Körper ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen, während es durch die Narkose(-mittel) zu einem gewollten Atemstilltand kommt. Damit wissen die Fachpersonen, dass die Narkose wirkt und man wird intubiert. Ein Schlauch wird in die Luftröhre eingeführt und die künstliche Beatmung kann starten. Das ist ein ganz normaler Vorgang, der genauestens überwacht wird. Nirgendwo ist es sicherer als in der Anästhesie! Das sind wirklich tolle Menschen! – und trotzdem hatte ich Angst.
Der Anästhesist war ein Mann, der mir Mut zusprach. Er gab mir die Sicherheit, die ich mir so sehr gewünscht hatte. Manchmal reichen kleine Gesten, wie ein freundliches Lächeln (durch die Augen, weil alles andere sieht man ja nicht) und eine Hand auf der Schulter. Wir witzelten herum. Ich erzählte ihnen davon, dass Propofol mich in der Regel high machte und ich ein absoluter Spaßvogel bin. Wir lachten und Schwester Sandra sagte zu mir „Genießen Sie Ihren Rausch auf Kasse.“. Ich spürte die erste Wirkung des Narkosemittels. Der Belüftungsschacht an der Decke fing an sich zu drehen. „Hui, ich merke schon was!“, rief ich und lachte. Ich steckte die beiden mit meinem Lachen. Die zwei legten mich dann (lachend) in Narkose. Es ging nun wirklich los!
Als ich aufwachte, war ich wieder 6 Jahre alt. Ich weinte und die Schmerzen waren heftig. Es fühlte sich an, als hätte mir jemand ein Stück aus meinem Becken herausgebrochen. Also bekam ich noch mehr Schmerzmittel und ein Wassereis. Ja, ein Wassereis. Geschmacksrichtung Zitrone. Ich habe keine Ahnung warum, aber ich freute mich wie eine Sechsjährige über mein Eis.
Die Schmerzen in meinem Becken waren unerträglich.
Aber ich war da: auf der anderen Seite!
Ich hatte es geschafft!
Halb wach, halb schlafend aß ich mein Wassereis. Um mich herum wuselten Menschen. Ich schlief immer wieder ein, wachte auf und weinte. Plötzlich war jemand an meinem Bett. Instinktiv griff ich nach der Hand des Pflegers. Ich suchte nach Halt und einer Bezugsperson – und fand sie.
Fast schon liebevoll löste er meinen Griff und redete mir gut zu. Als mir klar wurde, was ich da gerade getan hatte, entschuldigte ich mich. Meine Bedürftigkeit war mir ein wenig peinlich.
Wir redeten noch kurz miteinander und schon wurde ich aus dem Aufwachraum geschoben.
Ich sah Deckleuchten. Eine nach der anderen zog über mich hinweg. Warum sind die eigentlich so grell?
Ich schloss die Augen und fand mich wenig später auf meinem Zimmer wieder – am Fensterplatz.
Der Platz für ein Bett neben mir war immer noch frei. Ich atmete auf, denn ich war allein.
Kurze Zeit später kam mein Mann herein. Die Besuchszeit war schon längst vorbei, doch wir hatten im Vorfeld mit der Pflege gesprochen: es war kein Problem, dass er mich noch um 21:30 Uhr besuchte. Er kam zur Tür herein, zog seine Jacke aus und wir sahen uns an.
Meine Augen füllten sich mit Tränen.
Ich weinte. Die Tränen rannen meine Wangen hinunter. Ich schluchzte nur ein „Schatzi“ und streckte meine Arme nach ihm aus. Er gab mir einen Kuss und setzte sich direkt neben mein Bett. Der Chirurg hatte ihn noch direkt aus dem OP angerufen. „Es verlief alles nach Plan. Keine Komplikationen und alles wurde entfernt.“ war die Aussage, die er am Telefon bekommen hatte. Ich war so unendlich froh ihn zu sehen. Er ist mein Fels in der Brandung und meine größte Stütze. Meinen Mann nach der OP zu sehen war einfach so erleichternd, fast schon befreiend.
Es war alles gut gegangen.
Und ich weinte immer noch.
Ich weinte, weil es vorbei war. Ich weinte, weil ich es geschafft hatte. Ich weinte, weil 1,5 Jahre der Unsicherheit, der Schmerzen und der Hoffnungslosigkeit endlich vorbei waren. Ich weinte, weil ich die Chance bekam, von den Besten der Besten Endometriose-Spezialisten operiert zu werden. Ich weinte, weil ich endlich die Hilfe bekam, die ich brauchte.
Ich weinte, weil ich nicht gestorben war.
Diese Worte zu schreiben und wieder einzutauchen in diesen Moment, treibt mir wieder die Tränen in die Augen. Ich weinte all die Anspannung, all den Schmerz und die Unsicherheit einfach raus. Meine Seele konnte wieder aufatmen. Es war vorbei.
Ich schaute meinen Mann an, nahm sein Gesicht in beide Hände und küsste ihn.
Fortsetzung folgt…
…wenn ich soweit bin. 🙂


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