Woran denkst du als erstes, wenn du das Wort „Konflikt“ hörst? Wird es dir eng um die Brust oder hast du plötzlich so ein unangenehmes Kribbeln im Magen?
Vielleicht hast du auch schon den Satz gehört oder verinnerlicht: „Konflikte sollte man lieber meiden“?
Die meisten Menschen wünschen sich ein konfliktfreies Leben in der Hoffnung auf Harmonie, Frieden und ein gutes Miteinander.
Dabei übersehen wir etwas Entscheidendes:
Konflikte sind kein Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft.
Konflikte gehören zum Menschsein wie das Atmen.
Konflikte sind normal
Wo Menschen zusammen kommen, da entstehen auch Konflikte. Es treffen zwei (oder mehr) unterschiedliche Interessen, Ziele, Meinungen und Werte aufeinander. Vom Konflikt spricht man dann, wenn sich eine Person durch einen anderen Menschen beeinträchtigt fühlt in der eigenen Wahrnehmung, den Gedanken, Gefühlen und Bedürfnissen (Glasl, 2024, S. 17).
Die meisten Konflikte entstehen nicht durch böse Absichten, sondern durch unterschiedliche Wirklichkeiten.
Juliane Kau
Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und etwas völlig anderes darin sehen.
Das liegt daran, dass wir alle eine unterschiedliche Wahrnehmung haben. Jede Person hat unterschiedliche Bedürfnisse und unterschiedliche Werte.
Ich sage gerne, dass jeder Mensch ein eigener Mikro-Kosmos ist: mit eigenen Werten, einem eigenen Ökosystem, Bedürfnissen, Gefühlen, Erfahrungen, usw.
Wenn wir uns also nun bewusst machen, dass mit jeder Begegnung von Menschen eben jene Mikro-Kosmen aufeinander treffen, dann wird uns schnell klar, dass Konflikte unvermeidlich sind.
Das eigentliche Problem: Konfliktvermeidung
Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich begriffen habe, dass Konfliktvermeidung das eigentlich Übel ist. Ähnlich wie ein faule Stelle im Apfel beginnt die Konfliktvermeidung die Beziehungen zu unserem Umfeld und lieben Menschen zu vergiften.
Vielleicht bist du auch eine Person, die gut darin ist, Dinge herunterzuschlucken, nur um des lieben Friedens willen?
Du magst es nicht, deine Grenzen klar zu kommunizieren, weil du Angst hast, dein Gegenüber zu verletzen?
Deine Erwartungen behältst du für dich, weil du schließlich nicht als forsch und fordernd rüber kommen willst?
Du passt dich lieber an, weil du es ja irgendwie eh schon die ganze Zeit machst und es dir leichter fällt, als für dich einzustehen?
Hand aufs Herz: Ich habe auch lange zu den Menschen gehört, die Dinge eher runtergeschluckt haben, weil ich dachte, mit meiner Anpassung und meinem Schweigen wäre der Konflikt aus der Welt. Doch das stimmt nicht.
Die Beziehung wird nur zunehmend einseitig belastet. Dein Gegenüber weiß vielleicht gar nichts von deinen inneren Konflikten, den empfundenen Kränkungen und deinem Groll. Das führt früher oder später dazu, dass entweder der Konflikt explodiert oder die Beziehung leise stirbt.
Das Hauptproblem mit der Konfliktvermeidung ist vor allem eines: Selbstverrat!
Juliane Kau
Mit jedem Konflikt, dem du wegen des Bedürfnisses nach Harmonie oder Frieden aus dem Weg gehst, verrätst du dich selbst.
Wenn du immer nur zurücksteckst und jede Reibung hinnimmst, schluckst du nicht nur Ärger und Groll hinunter, sondern du gehst auch jedes Mal über deine eigenen Bedürfnisse, Grenzen, Interessen und Meinungen hinweg.
Überlege mal: Wann kommt es zu Konflikten? Richtig, wenn Interessen, Ziele, Werte und Meinungen aufeinander treffen. Genau so wie dein Gegenüber eine Person mit eigenem Mikro-Kosmos ist, so bist auch du eine eigenständige Person mit Mikro-Kosmos.
Mit jeder Vermeidung von Konflikten gibst du ein Stück deines eigenes Mikro-Kosmos auf.
Es geht dabei nicht nur um den lieben Frieden oder die Harmonie. Es geht dabei auch um dich.
Deine Gefühle, Interessen, Ziele, Meinungen und was auch immer du so vehement unterdrückst, sind eigentlich deine Verbündeten.
Konflikte als Hinweise
Jedes Mal, wenn wir während eines Konflikts ein Gefühl wie Wut, Frust, Ärger oder Traurigkeit aufflammen spüren, ist das ein Hinweis für uns. Genau an diesem Punkt sollten wir hellhörig werden, denn an dieser Stelle zeigt sich ein unerfülltes Bedürfnis, eine verletzte Grenze oder unterschiedliche Erwartungen.
Konflikte tragen eine Botschaft in sich, die es zu entschlüsseln gilt. Denn häufig geht es bei Konflikten nicht nur um die äußere Situation – Konflikte berühren auch etwas in uns, nämlich unser Selbstbild. Weiter oben heißt es, dass ein Konflikt besteht, wenn wir uns eingeschränkt fühlen. Doch was heißt das genau? Wann ist für uns eine Grenze erreicht und wann überschritten?
Hier kommen unsere Gefühle ins Spiel. Sie sind der Indikator und zeigen uns Störungen in der Kommunikation oder Beziehung auf. Unserer Gefühle liefern uns fehlende Informationen die wir in unserem Autopiloten häufig gar nicht wahrnehmen. Vielleicht hast du dich auch schon bei der Frage ertappt: „Warum habe ich jetzt so darauf reagiert?“
Konflikte haben das Potenzial dir zu zeigen, wo du vielleicht nicht ganz ehrlich mit dir selbst bist und geben dir die Möglichkeit, dir selbst näher zu kommen.
Du darfst lernen ihre Botschaften zu hören und zu verstehen.
Warum Konflikte so schwer sind
Konflikte sind für uns häufig so schwer, weil wir sie nicht richtig verstehen und nutzen können. Unser Umgang mit Konflikten ist entweder durch Vermeidung oder starke Emotionen geprägt – oder beides. Häufig steht hinter diesen Verhaltensmustern jedoch nur eins: Angst.
Wer kennt sie nicht: die Angst vor Ablehnung? Konflikte werden nicht (ausreichend) bearbeitet, aus Angst, wir könnten dafür abgelehnt werden. Vielleicht hast du es selbst schon erfahren, dass du zurückgewiesen oder ignoriert wirst, sobald du einen Konflikt ansprichst oder auf wahrgenommene Ungerechtigkeiten hinweist? Damit bist du nicht alleine. Aus Angst vor Ablehnung habe ich ein riesiiiiges Toleranzfenster entwickelt und so vieles einfach hingenommen – nur um den Konflikt zu vermeiden. Wir Menschen sind soziale Wesen und der Ausschluss aus einer sozialen Gruppe bedeutete für uns früher den Tod. Kein Wunder also, dass wir lieber den Konflikt meiden statt zu sterben.
Angst spielt ebenfalls eine große Rolle, wenn wir den Eindruck oder die Erwartung haben, wir könnten etwas verlieren. Die Angst vor Verlust kann uns sowohl in den Angriff als auch den Rückzug treiben. Manche Menschen empfinden Konflikte als eine persönliche Schlacht, in der es darum geht, um jeden Preis zu gewinnen und ihren Standpunkt durchzudrücken – komme, was da wolle! Gleichzeitig kann es auch zum Rückzug und zur Konfliktvermeidung führen, weil wir um keinen Preis unser Ansehen oder unser „Gesicht“ verlieren wollen.
Viele Konfliktmuster sind eigentlich Schutzstrategien.
Juliane Kau
Sie wollen uns davor schützen ausgestoßen zu werden oder etwas zu verlieren, was für uns von Bedeutung ist. Konflikte berühren etwas in uns. Deshalb reagieren wir nicht nur auf die Situation selbst, sondern auch auf das, was wir mit ihr verbinden.
Nicht jede Konfliktvermeidung entsteht aus Angst vor Ablehnung oder Verlust.
Manche Menschen haben gelernt, dass Harmonie etwas sehr Wertvolles ist, das um jeden Preis geschützt werden muss. Sie übernehmen Verantwortung für die Gefühle anderer, glätten Spannungen und versuchen, alle Beteiligten zufriedenzustellen. Doch zu welchem Preis?
Frieden um jeden Preis ist oft kein Frieden. Sondern nur ein aufgeschobener Konflikt.
Juliane Kau
Warum ein Konflikt aufgeschoben oder vermieden wird kann viele verschiedenen Gründe haben. Ein Grund kann auch Scham sein.
Viele Menschen erleben Konflikt nicht als „Wir haben unterschiedliche Sichtweisen.“, sondern als „Mit mir stimmt etwas nicht“. Auf dieser Basis wird ein Konflikt oder Kritik schnell zur Bedrohung des Selbstwertes. Es geht also weniger um den Konflikt im Außen, sondern es gerät die gesamte Identität ins Wanken. Das kann zur Folge haben, dass manche Menschen mit Rechtfertigung Rückzug oder Angriff reagieren.
Die wenigsten Menschen kommen neutral in Konflikte. Wir bringen alle unsere Geschichte mit.
Juliane Kau
Dabei geht es nicht allein um den reinen Umgang mit Konflikten. Alte Erfahrungen prägen uns ebenfalls.
Vielleicht hast du gelernt:
- Sei lieb.
- Widersprich nicht.
- Mach keine Probleme.
- Stell dich nicht so an.
- Sprich das lieber nicht an.
- Als Mädchen macht/sagt man sowas nicht.
- Du bist verantwortlich für das Wohlbefinden der anderen.
- Schrei nicht so rum.
- Geh auf dein Zimmer.
- Der Klügere gibt nach.
- [Hier Satz deiner Wahl eintragen]
- usw.
Oder das Gegenteil:
- Wer laut ist, gewinnt.
- Angriff ist die beste Verteidigung.
- Ein Nein wird nicht akzeptiert.
- Wer nachgibt ist schwach.
- [Hier Satz deiner Wahl eintragen]
- usw.
Diese alten Erfahrungen und Muster tragen wir oft unbewusst in unsere heutigen Beziehungen hinein und damit auch in Konfliktsituationen. Das geschieht häufig ganz automatisch, denn unsere Emotionen sind schneller als unser Verstand. Es gilt diesen Kreislauf zu durchbrechen und angemessen auf Konflikte zu reagieren.
Die gute Nachricht ist: Konfliktfähigkeit ist keine angeborene Eigenschaft.
Konfliktfähigkeit lässt sich lernen.
Konfliktfähigkeit ist Beziehungskompetenz
Was ist Konfliktfähigkeit überhaupt? Es ist die Fähigkeit einer Person Konflikte wahrzunehmen, sie aktiv anzusprechen und aktiv an einer Lösung zu arbeiten.
Ein angemessener und lösungsorientierter Umgang mit Konflikten dient nicht nur uns als Mensch, sondern auch unseren Beziehungen. Doch ist das manchmal gar nicht so einfach, während eines Konflikts sachlich und „angemessen“ zu reagieren. Konfliktfähigkeit beinhaltet andere Kompetenzen, auf die wir uns bereits im Vorfeld konzentrieren können. Es ist schwierig, einem Ertrinkenden das Schwimmen beizubringen, also lass uns vor dem Konflikt bereits anfangen. 🙂
Eine ganz wichtige Fähigkeit und die Grundlage jeder Konfliktlösung ist die Selbstreflexion. Das bedeutet, dein eigenes Denken, Handeln und Fühlen kritisch zu hinterfragen. Wie fühlt sich das an? Was geht in dir vor und wie (re-)agierst du? Es ist wie eine Bestandsaufnahme deines eigenen Standpunktes. Wie ein Foto, dass dich in einem Moment zeigt – und zwar nur dich. Im nächsten Schritt geht es um die Anderen.
Empathie – ein kleines Wort mit großer Wirkung. Mit Empathie bezeichnet man die Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen einzufühlen. Es öffnet sich mit der Empathie ein sicherer Boden für den Austausch, denn es öffnet sich mit dem Einfühlen ein Raum der Anerkennung. Wobei Anerkennung nicht Einverständnis bedeuten muss, sondern viel mehr ein „Ich sehe dich!“ ist. Empathisch zu sein bedeutet für mich auch die Bereitschaft zu haben, Kompromisse einzugehen.
Nur Empathie und Selbstreflexion bringen uns nur bedingt weiter, wenn wir nicht auch unsere Kommunikationsfähigkeiten unter die Lupe nehmen und ausbauen. Es ist wichtig, deinen Standpunkt mitzuteilen, um eine gemeinsame Basis für eine Lösung zu schaffen. Das funktioniert am besten, wenn wir damit beginnen, unsere Beobachtungen (innen wie außen) WERTFREI zu teilen. Stell dir vor, du sitzt mit der Person an einem Tisch und ihr zeigt euch beide die Fotos und Momentaufnahmen eurer Standpunkte. Dabei könnt ihr beschreiben, was ihr wahrgenommen und beobachtet habt. Vorwürfe sollte vermieden werden.
Vorwürfe münden schnell in einem Teufelskreis und führen häufig zu einer Eskalation. Konflikte eskalieren oft dann, wenn wir anfangen, über die Person zu urteilen statt über das Foto zu sprechen. Konfliktfähigkeit bedeutet nicht, den anderen von seinem Foto zu überzeugen. Es geht vielmehr darum, die unterschiedlichen Bilder zu verstehen und gemeinsam nach einem Weg zu suchen.
Die entscheidende Frage lautet nicht: „Wer hat Recht?“, sondern: „Wie können wir das lösen, damit es uns beiden besser geht?“.
Juliane Kau
Das führt uns zum letzten Punkt in diesem Abschnitt: Deeskalation. Sie ist für eine Klärung des Konflikts unerlässlich, denn Deeskalation ist unsere Reiserücktrittsversicherung. Es kommt nämlich vor, dass trotz aller Bemühungen ein Konflikt emotional so stark aufgeladen ist, dass wir wieder versuchen, den anderen Menschen von unserem Foto zu überzeugen. Deeskalation ist die Erinnerung daran, einen Schritt zurückzutreten und uns wieder auf das eigentlich Ziel zu fokussieren: Eine gemeinsame Lösung zu finden.
Eine Beziehung ist DER Schauplatz für Konflikte. Über kurz oder lang stoßen unterschiedliche Sichtweisen, Werte, Meinungen und Interessen aufeinander. Konfliktfähigkeit trägt maßgeblich zur Stabilität einer Beziehung bei, denn:
Konfliktfähigkeit bedeutet nicht, immer Recht zu haben.
Konfliktfähigkeit bedeutet, die Wirklichkeit des anderen mitdenken zu können.
Fazit
Konflikte werden vermutlich nie angenehm sein. Und doch dürfen wir lernen, dass sie keine Bedrohung sind.
Nicht die Beziehungen ohne Konflikte sind die gesündesten, sondern die, in denen Konflikte respektvoll ausgetragen werden.
Sie sind eine Chance für Verständnis, Entwicklung und Beziehung.
Konflikte sind ein natürlicher Teil menschlicher Verbindung. ✨
Quellen
Glasl, F. (2024). Konfliktmanagement: Ein Handbuch für Führung, Beratung und Mediation (13. Auflage). Haupt Verlag. Verlag Freies Geistesleben.


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